Die politischen Todsünden bei der Sars-Cov-2-Pandemie

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Nachdem uns nun fast 11 Monate das Coronavirus mit seiner Pandemie schwer quält, ist es Zeit, eine gesundheitspolitische Zwischenbilanz zu ziehen.

Es geht hier nicht um eine Abrechnung mit Anschober, denn fairerweise muss man sagen, dass so manche schweren strategischen Fehler weit vor seiner Zeit passiert sind.

2008/09 hatten wir die letzte Pandemie, in ihren Ausmaßen wesentlich schwächer, doch aber auch weltweit auftretend. Österreich war durch einen seit 2006 fertiggestellten Pandemieplan gerüstet, hatte einen Rahmenvertrag zur Abrufung eines Pandemieimpfstoffes, der noch dazu damals zum Großteil auch in Österreich produziert werden konnte, noch dazu mit einer innovativen Technik, der Zellkultur.

Das Zusammenspiel mit den Ländern war gut vorbereitet und die Politik setzte die von Fachleuten vorgegebenen Leitlinien sehr tatkräftig um. Rückblickend betrachtet war das damals ein gutes Training als Vorbereitung für spätere Situationen. Und wir haben dabei viel gelernt. Und so manches neu umgesetzt, wie das Elektronische Meldesystem.

Nach Ablauf der damals eher milden Pandemie, die aber außereuropäisch auch eine hohe Opferzahl an Toten verursachte, gab die WHO Jahr für Jahr neue Empfehlungen, wie denn der Pandemieplan und die materiellen Vorbereitungen weiterentwickelt weren sollten.
Klar war auch, dass man vorbereitend sich auch Krisenvorräte für Schutzkleidung, Masken und essentielle Medikamente anlegen muss, um dann nicht in letzter Minute so manchem nachzulaufen.

Je schlechter man auf eine Katastrophe vorbereitet, desto früher tritt dann ein Katastrophenszenario ein. Das zeigt uns jetzt die Geschichte.

Seit 2010 gab und gibt es einige fundierte wissenschaftliche Untersuchungen, welche Krankheitserreger, insbesondere aus dem Reich der Zoonosen, wieder gefährlich weren könnten und eine Pandemie auslösen.

2005 und 2013 gab es 2 sehr fundierte wissenschaftliche Untersuchungen, welche medizinischen Katastrophen gefährlich werden könnten. Die Studie aus 2005 in den USA war lange unter Verschluss. 2013 aber wurde im Auftrag des Deutschen Bundestages eine weitere Katastrophenstudie erarbeitet. Die war öffentlich und ab dem Erscheinen für Alle lesbar. Interessant ist, dass bei beiden Studien fast seherisch vorhergesagt wurde, dass am gefährlichsten und wahrscheinlichsten eine Pandemie ausgelöst durch das Coronavirus auftreten könnte. Die Berechnungen über die Dimension, Erkrankungszahlen und Todesopfer ähneln sehr den heutigen Zahlen.

Diese Ergebnisse wurden sowohl in den Ursprungsländern der Studie, aber auch weltweit sowohl politisch als auch wissenschaftlich ignoriert. Hätte man diese Studien ernst genommen, wären drei Dinge vorbereitend notwendig gewesen:

  • Etablierung von Labors weltweit mit einer Vernetzung, um frühzeitig erste Krankheitsfälle zu diagnostizieren
  • Krisenbevorratung und Überarbeitung der Pandemiepläne, insbesondere auch von Betriebspandemieplänen, um die Versorgung nicht zusammenbrechen zu lassen
  • Schaffung eines industriellen Netzwerkes zur Produktion größter Impfstoffmengen, um die Weltbevölkerung zu schützen.

Die WHO hat dies in den Jahren 2010 und 2011 gefordert, alle Länder stimmten zu, aber geschehen ist nichts.

Österreich ist da keine Ausnahme. Der Pandemieplan blieb auf dem Jahr 2008 stehen und wurde nicht mehr bearbeitet.

Bestehende Rahmenverträge für einen Impfstoff wurden gekündigt und als Baxter drohte, seine Produktionsstätte in Österreich zu schließen, verschlief dies die Regierung.

Es gab nur einen noch vorhandenen Bevorratungsrest von Schutzmasken, es gab keine neue Bevorratung, auch nicht von Schutzkleidung. Die muss zur Gänze aus Asien importiert weren.

Die Produktion wichtiger Medikamente findet zu 100% im Ausland, oft in Asien statt und damit war keine Versorgungsicherheit gegeben.

Das Schlamassel erlebten wir jetzt, am Anfang unzureichende Mengen an Schutzkleidung, ungeschütztes Gesundheitspersonal und dann zum Teil qualitativ schlechte Produkte, die alle improvisiert importiert wurden.

Durch Jahre hatte man in den Ländern ersucht, den öffentlichen Gesundheitsdienst in seinen Ressourcen zu kürzen. Weil, wozu braucht man Amtsärzte etc. Dazu kam noch eine grottenschlechte Bezahlung. Die Rechnung bekommen wir jetzt präsentiert. Es fehlt allerorten an Personal, an Ärzten, an Fachkräften. Damit kann natürlich kein effizientes contact Tracing in der Containment-Phase durchgeführt werden., so lange das noch mengenmäßig geht. Auch eine vernünftige EDV-Struktur auf Landesebene wurde nicht geschaffen, um Zeit bei der Administration zu sparen.

All dies sind Versäumnisse, schwere politische Fehler, die in der Ära vor Anschober auftraten.

Allerdings sind auch Anschober derzeit einige Dinge anzulasten:

  1. Bei Amtsübernahme wäre es ein Federstrich gewesen, den Obersten Sanitätsrat zu verlängern bzw. neu zu bestellen, was auch der Beamtenregierung anzulasten ist. Dieses extrem wichtige Beratungsgremium des Gesundheitsministers hat sich bewährt-seit 150 Jahren- und hätte die jetzigen im bunten Treiben auftretenden Experten und Nicht Experten locker unnötig gemacht.
  2. Wichtig in jeder Krisensituation ist auch die Kommunikation. Hier hat die gesamte Regierung versagt. Mit Angst Parolen wie“ Wir werden jeder einen in der Familie haben, der in der Pandemie gestorben ist“ und ständigem Angstmachen vor dem Sterben erreicht man keine Kooperation in der Bevölkerung. Tausende Menschen sind nun in eine Depression oder Angststörung geschlittert. Niemand kümmert sich um diese. Weil Sie sich verkrochen haben.
    Und die Jugend nimmt Kollektivstrafen, so empfinden viele die gesetzten Maßnahmen, nicht ernst und lebt ihr Leben weiter. Was schlecht ist und die Verbreitung fördert. Die in ihren gesundheitlichen Auswirkungen zwar die Jugend nicht trifft, aber die Wirtschaft schwer schädigt.
  3. Es fehlt bei allen Beratungen der Expertengremien jedwede Transparenz. Jedes Mitglied muss eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Offengelegt ist bis jetzt nichts! Denn dann würde man sehen, dass so manche politische Entscheidung gegen die Meinung der Wissenschaftler getätigt wurde.
  4. Die Auswirkungen der zweiten Welle, von der jeder wusste, dass Sie kommen wird, sind politisch hausgemacht. Im Sommer hat man gegen besseres Wissen die Grenzen geöffnet, damit viele Urlauber genau in jene Länder reisen, wo es schon wieder steigende Erkrankungsfälle gab.
  5. Ich bin der festen Meinung, dass etwa 25% der ins Spital eingewiesenen zu Hause weiter betreut hätten werden können, wenn man eine adäquate und für diese Patienten gesicherte Versorgungsstruktur sowohl medizinisch als auch betreuungsmäßig etabliert hätte. Zeit, dies vorzubereiten, wäre seit dem Frühjahr gewesen.

Wobei man gerechterweise sagen muss, dass dies ein Gesundheitsminister allein nicht umsetzen kann, sondern hier primär die Länder gefordert sind. Uns Allen ist noch das höhnische Gelächter der Bundesländer über die Pandemieentwicklung in Wien in Erinnerung. Sieht man sich aber nun die Zahlen an, so hört man von dort nur, dass nichts mehr geht. So ändert sich die Situation.

Wenn es jetzt innerhalb der nächsten 4 Woche nicht gelingt, in allen Bundesländern durch Zuführen zusätzlicher Kräfte wieder ein effizientes contact-Tracing in Schwung zu bringen und man nicht punktuell Maßnahmen ergreift, so werden wir natürlich im Winter nach Jahreswechsel eine dritte Welle haben.

Denn es ist eine Illusion, dass wir schnell soviel Impfstoff erhalten, dass mit einem Durchimpfen begonnen werden kann.

Und eine Organisation einer breiten Impfstrategie muss jetzt schon begonnen werden. Wir haben in Österreich genügend Ärzte, damit wir diese große Aufgabe vernünftig verteilen können. Und hier sind die Ärzte gefordert, hier ihren Mann und Frau zustellen. Wer Angst hat, jetzt ärztlich tätig zu weren, hat seinen Beruf verfehlt.
In Erinnerung ist mir ein pointierter Ausspruch eines Histologie Professors, der in den 60er Jahren meinte: „Wer seine ärztliche Aufgabe nicht erfüllt, soll Friseur werden, da kann er auch einen weißen Mantel tragen

22.11.2020, Prof.Dr.Hubert Hrabcik

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