Der angebliche Ärztemangel

Prof.Dr.Hubert Hrabcik

Entwicklung im letzten Jahrzehnt gesundheitspolitisch verschlafen

Seit Langem ist die Alterspyramide im Ärztestand bekannt. Keinerlei Überraschung für Politiker, Kassenfunktionärsbonzen und dergleichen. Auch die Ärztekammer hat sich eher still darüber verhalten. Um das Problem bewusst oder unbewusst zu verschärfen, hat man in den Spitälern versucht, die Personalstruktur auszudünnen. Und der Vertragsärzteplan der Krankenkassen hat die Zahl der Vertragsärzte trotz zum Teil steigender Bevölkerungszahlen in Ballungsgebieten wie Wien drastisch reduziert. Dazu kommt eine täglich steigende Flut von administrativen Auflagen und Hürden im Rahmen der diagnostischen und therapeutischen Tätigkeit.
Ein Fluch der überschießenden Tätigkeit von Gesundheitsökonomen und Juristen, die sich darin gefallen, das System zu verkomplizieren.

Seit etwa 15 Jahren ist bekannt, dass jährlich etwa 40% der Promoventen der Medizinischen Universitäten nach ihrem Studium zum Teil fluchtartig das Land verlassen und in den angrenzenden Ländern ihren Beruf weiter ausüben. Dabei kommt Ihnen zum Teil ein Mangel in einigen Ländern entgegen, wo man mit Freude gut ausgebildete Jungärztinnen und Jungärzte aufnimmt.

Nun sollte man meinen, dass diese problematische Entwicklung den zuständigen Ministern und Landesräten aufgefallen ist und man versucht, gegenzusteuern. Indem man eine Analyse dieser „Fluchtbewegung“ durchführt und sofort und massiv Hilfsmaßnahmen starten lässt. Das „Gesundheitsmurmeltier“ hat aber weitergeschlafen. Und jetzt hat sich das Problem noch weiter verstärkt, denn jetzt finden sich auch keine Interessenten mehr für Vertragsarztstellen für Allgemeinmediziner und Fachärzte. Immer mehr Planstellen stehen leer. Mich erinnert das frappant an die 70er Jahre, wo anlässlich der Promotion immer Vertreter von Krankenanstalten an der Universität standen, um uns Ärzteposten in ihren Häusern attraktiv anzubieten.

Aber das Mangelnde Interesse an Vertragsarztstellen ist nicht nur durch ein gesunkenes Aufkommen zu erklären, sondern auch durch die konsequente Ablehnung des derzeitigen Vertragsarztmodells. Das getragen von geringer Wertschätzung, zum Teil schikanösen Auflagen und einer fehlenden Karriereplanung. Denn:

  • Der Jungarzt/Ärztin findet in letzter Sekunde irgendwo einen Ausbildungsplatz
  • Eine Planung seiner Ausbildung zum Allgemeinmediziner, Facharzt geschieht eher zufällig und bis zur oft letzten Sekunde weiß der /die Betroffene nicht, wie es nachher weitergehen soll und wohin. Das Gesundheitswesen leistet sich hier ein vollkommen unfähiges Planungs und Struktur Modell.
  • Die Vergabe von Kassenverträgen geschieht auch erst sehr kurzfristig und somit lernt der Jungarzt nur eines: warten, warten, warten………….. Unsicherheit
  • Mangelnde oder fehlende Vorbereitung auf die freiberufliche und damit auch unternehmerische Tätigkeit als Arzt und Manager seines Berufs.

Zufall als Berufsplaner

Nun steht uns das Wasser in Österreich diesbezüglich bis über den Hals und es bedürfte rasch Analyse und berufsunterstützender Maßnahmen
Die Forderung mancher Landespolitiker , halt die Zahl der Medizinischen Universitäten und Studienplätze zu erhöhen, zeigt nur die Ahnungslosigkeit. Dann gehen halt die 40% von einem mehr an Promoventen ins Ausland.

Denn wir haben an sich genügend Medizinpromoventen, wenn diese im Land blieben und hier ihre ärztliche Tätigkeit ausüben würden!!!!

Vor Tagen stellte erst der Rechnungshof ein Fehl bei der Versorgung älterer Menschen im Pflege, aber auch medizinischem Bereich fest. Hier droht uns eine Versorgungskatastrophe. Hunderttausende immobile Menschen werden Stunden- oder Vollzeit Pflege bedürfen und diese kombiniert mit einer ärztlichen Versorgung. Derzeit gibt es nur einzelinitiativen, aber keine fundierten Lösungen.

Und die Ablehnung der derzeitigen Vertragsarztmodelle muss auch zum Nachdenken anregen. Denn die Lösung liegt nicht nur in einem höheren Einkommen. Die oft bis zu 40%ige Mehrbelastung durch vollkommen unnötige und schikanöse Administration gehört blitzartig abgeschafft. Sowohl in Spitälern als auch in Ordinationen. Aber auch unser Ärztenachwuchs wird lernen müssen, dass der ärztliche Beruf mehr als nur die Ausübung eines Jobs ist. Wo man nicht immer nur stur nach einer 40 Stundenwoche agieren kann.

Falsch aber ist, dass nun die Spitalsträger, getrieben durch die Finanzlandesräte der Länder, versuchen, die EU-Regelung über die 46h Wochenarbeitszeit wieder durch ein vermehrtes und verlängertes opting out zu unterlaufen. Das wird zu massivem Widerstand der Spitalsärzte führen und dieser ist voll berechtigt!!

Hier kann man nur sagen: Wehret den Anfängen!

Beginnend von der Promotion gehört eine Berufs und Karriereplanung gestartet. Die bedeutet dann allerdings für die Jungärzte nicht nur eine Sicherheit, sondern auch Verpflichtungen.

Und man wird auch darüber nachdenken müssen, wie man mit der Problematik umgeht, dass derzeit die öffentliche Hand die universitäre Ausbildung zur Gänze finanziert und damit in etwa 40% der Fälle Nutznießer unsere Nachbarländer sind. Vergleichbare Ausbildungsmodelle in anderen Berufssparten gibt es schon, hier gehört Mut und Transparenz dazu, das anzugehen.

Mittelfristig muss man fordern, den Gesundheitsbereich aus dem direkten Führungsbereich der Politik herauszunehmen. Die Gesundheitspolitik soll nur für die Rahmenbedingungen verantwortlich sein, die Umsetzung sollen Fachleute leiten.

Noch ein Wort zur Spezies Fachleute: Neben einer breiten wissenschaftlichen Basis ist auch eine mehrjährige Tätigkeit als Spitalsarzt oder niedergelassener Arzt zu fordern. Nur wer das Anforderungsprofil aus erster Hand kennt, hat die notwendige Qualifikation. Damit kann man die Zahl der selbsternannten Gesundheitsexperten radikal reduzieren.

Ob wir das erleben werden

Prof.Dr.Hubert Hrabcik hubert.hrabcik@aon.at

Schreibe einen Kommentar